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Grenzziehung zwischen Gegebenheiten, schlechter Wissenschaft und wissenschaftlichem FehlverhaltenBearbeiten

Untersuchungen zu Fälschungen und schlechter WissenschaftBearbeiten

Fanelli beschränkt sich in seiner Meta-Analyse ausschliesslich auf wissenschaftliches Fehlverhalten wie Erfinden, Fälschen oder Manipulieren/Schönen von Forschungsdaten, Ergebnissen oder deren Interpretation sowie das Unterschlagen negativer Ergebnisse. Nicht berücksichtigt wurden Plagiarismus, Zurückhalten von Informationen gegenüber Kollegen, Ehrenautorschaft oder Ausbeutung von Untergebenen. Seine Untersuchung ist somit sehr eng gefasst. Das wahre Ausmass von Fälschungshandlungen schätzt er noch wesentlich höher ein, da es sich bei seiner Untersuchung um Selbstberichte eines höchst unerwünschten Verhalten handelt.

Ioannidis trifft keine Unterscheidung zwischen Sachzwängen, schlechter Wissenschaft und wissenschaftlichem Fehlverhalten, da er sämtliche Faktoren aufspüren will, die wissenschaftliche Ergebnisse verfälschen. Zu seiner zitierten Arbeit entstand auf PLoS MEDICINE eine lebhafte Diskussion mit anderen Autoren.

Ramal Moonesinghe, Muin J. Khoury und A. Cecile J. W. Janssens stimmen mit Ioannidis Aussage überein, wenden jedoch ein, dass der PPV durchaus mit der Anzahl unabhängiger Studien steigt, wenn die Ergebnisse statistisch signifikant sind. Oft genug fänden aber eben keine genauen Replikationen statt. Steven Goodman und Sander Greenland stimmen zwar überein, dass unerwartet viele Behauptungen falsch sind, halten aber Ioannidis' mathematischen Beweis für einen Zirkelschluss. Keine Studie könne immer überzeugende Beweise liefern. Die Behauptung, Studien lieferten mit zunehmender Beliebtheit des Forschungsgebiets falsche Ergebnisse sowie die Behauptung, die meisten Forschungsergebnisse seien falsch, seien unbewiesen.

Ioannidis sieht sich in seiner Entgegnung in einigen Punkten missverstanden Viele rivalisierende Forscherteams auf einem beliebten Forschungsgebiet könnten eine Jagd nach Signifikanzen unterstützen, die nur die positiven Ergebnisse herausstellt. Andererseits führten viele Teams mit transparenter Verfügbarkeit aller Ergebnisse sowie eine Integration der Daten über die Teams zu einem wahren Fortschritt. Replikation sei erforderlich,nicht allein Entdeckung.

Diese These wurde 2010 von Daniele Fanelli untermauert. Bei einer Untersuchung in den USA von 1300 Publikationen mit einem Hauptautor aus 20 Disziplinen fand er heraus, dass wachsender Konkurrenzdruck unter Forschern vermehrt zu geschönten Ergebnissen führt. Dabei lässt er offen, ob dieses Ergebnis auf der Art der Darstellung oder gefälschten Daten basiert. Als Konsequenz rät er dringend zu einem anderen Umgang mit Publikationslisten. (Die Studie wird im Kapitel Ursachensuche/systemische Ursachen genauer dargestellt.)

In seiner zweiten Studie fundierte Ioannidis seine Ausgangsthese, als er von 45 hochkarätigen Studien 14 Arbeiten (32%) als grundsätzlich falsch oder erheblich übertrieben identifizieren konnte, während lediglich 20 Arbeiten 44%) repliziert wurden. Auch hier bleibt die Grenze zwischen schlechter Wissenschaft und Fehlverhalten offen, wobei Ioannidis zur Vorsicht bei der Interpretation einzelner neuer Studien mahnt.

Tödter bemerkt selbst, dass der Benford-Test nur ein erstes Indiz, aber kein Beweis für Datenfälschung sein kann. Tatsächlich stellt der Test nur eine Abweichung von der erwarteten Wahrscheinlichkeit fest, aber nicht, ob diese Abweichung auf Irrtum oder Betrug basiert. Des weiteren differenziert er vor allem im oberen Bereich, d.h. er zeigt vor allem grosse und häufige Abweichungen relativ zuverlässig an. Bei kleineren und selteneren Abweichungen ist seine Aussagekraft relativ gering. Systematische Abweichungen von der erwarteten Verteilung werden aber sehr zuverlässig erfasst und sprechen in der Regel gegen einen Irrtum.

Unter diesen Voraussetzungen kann die Grenze zwischen schlechter Wissenschaft (Rechenfehler) und wissenschaftlichem Fehlverhalten (Betrug) recht fliessend sein. Tödter spricht in seiner Arbeit wohlweislich von "verdächtigen Ungereimtheiten in nennenswertem Ausmaß", ohne sie zu bewerten. Zur Unterscheidung von Irrtum und Betrug sind zusätzliche Kriterien erforderlich. Ein bekannter Rechenfehler der HRE Bank betrug immerhin 55 Milliarden Euro....

Martinson et. al. untersuchen sowohl eindeutiges wissenschaftliches Fehlverhalten als auch weniger schwere Verfehlungen. Interessant ist ihre Einschätzung, die "leichteren Verfehlungen" würden der Wissenschaft den grösseren Schaden zufügen. Sie seien systemisch bedingt und sollten entsprechend beachtet werden.

Seine Einteilung in Top-Ten und weniger schwere Verfehlungen wurde zusammen mit einem Expertenteam erstellt. Sie findet sich so nicht in der Regularien der DFG wieder. Gleichwohl sind die meisten Punkte auch im Katalog wissenschaftlichen Fehlverhaltens enthalten, allerdings ohne eine derartige Gewichtung..

Untersuchungen zu Plagiaten und WissenschaftsbetrugBearbeiten

McCabe untersucht in seinen Studien studentische Betrugshandlungen aller Art an vielen Universitäten und Fachbereichen in den USA und Kanada. Bei reinen Internet-Plagiaten kommt er auf eine Quote von 33% bis 40%. Dabei konzentriert er sich auf wissenschaftliches Fehlverhalten, wie es in den Honor Codes vieler amerikanischer Universitäten definiert ist. Schlechte Wissenschaft kommt in seinen Untersuchungen nicht vor. Die Hauptproblematik sieht er in den Bachelor-Studiengängen. In den Master-Studiengängen seien die Studenten reifer und mehr am Lernen interessiert.

Sattler bezieht sich eindeutig auf Plagiate als wissenschaftliches Fehlverhalten. Seine Arbeit ist theoretisch wie methodisch hochkomplex aufgebaut, seine Ergebnisse weit untergliedert. Mehr noch als konkrete Plagiate steht bei ihm die Plagiatsbereitschaft im Vordergrund sowie die sie bedingenden Faktoren. Er macht damit ein erschreckendes Bedrohungspotential für die wissenschaftliche Praxis sichtbar.

Knoop bezieht sich bei ihrer Untersuchung auf Plagiate aus dem Internet und damit klar auf wissenschaftliches Fehlverhalten. Bei ihrer Untersuchung fällt die Diskrepanz zwischen den Angaben der Studenten und der Einschätzung ihrer Dozenten auf. Offenbar wird die Häufigkeit studentischer Plagiate tatsächlich unterschätzt. Bemerkenswert sind auch die Unterschiede in der Häufigkeit entdeckter Plagiate. Entweder wird bei einigen Dozenten mehr geschummelt oder diese schauen sich die vorgelegten Arbeiten genauer an. Schwer zu interpretieren ist die Aussage, dass mehr als die Hälfte der Dozenten Plagiate für eine Ausnahme halten, aber Dreiviertel von ihnen mehr Massnahmen zur Plagiatseindämmung wünschen. Möglicherweise handelt es sich in beiden Fällen um sozial erwünschte Antworten.

Interessant ist ein Blick auf die genannte Gründe für das Plagiieren. 70% der Befragten gaben Zeitmangel an, 40% Bequemlichkeit bzw. Verfügbarkeit. Nur zu 11% wurde mangelnde Kenntnis von Zitierregeln genannt. Von daher ist es etwas verwunderlich, dass zuerst eine Schreibwerkstatt eingerichtet wurde, auch wenn sie als solche zu begrüssen ist. Von den Daten her wären Kurse in Zeitmanagement mindestens genauso plausibel.

FazitBearbeiten

Abgesehen von Selbstberichten über Fälschungshandlungen und fragwürdige Forschungspraktiken bleibt das wahre Ausmass an wissenschaftlichem Fehlverhalten weiterhin unklar. Obwohl viele Arbeiten als fehlerhaft, falsch oder übertrieben ausgemacht werden können, ist die Grenze zwischen schlampiger, schlechter Wissenschaft und wissenschaftlichem Fehlverhalten fliessend und selten eindeutig zu bestimmen. Wie es scheint, ist diese Grauzone allerdings beträchtlich. Sattlers Arbeit macht dabei ein hohes Bedrohungspotential sichtbar. Da nach der Definition der HRK Fehlverhalten entweder bewusst oder grob fahrlässig erfolgt sein und jeder Einzelfall nach seinen Umständen untersucht werden muss, wird es wohl auch nur in gravierenden Einzelfällen tatsächlich zu Sanktionen kommen.

Der Katalog der DFG lässt dabei offen, was schwere und weniger schwere Verfehlungen wider die gute wissenschaftliche Praxis sind. Im konkreten Fall wird es also immer um eine subjektive Einzelfallentscheidung gehen. Fraglich ist allerdings, ob mit den bisherigen Regularien die "üblichen normalen" Fehlhandlungen erfasst und auch sanktioniert werden können, wie sie Martinson aufzeigt. Da scheint auf etlichen Ebenen noch das Bewusstsein für Problematik zu fehlen.

Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere wissenschaftliche DisziplinenBearbeiten

Untersuchungen zu Fälschungen und schlechter WissenschaftBearbeiten

Bei der Meta-Analyse von Fanelli fällt auf, dass sich die enthaltenen Studien zu einem grossen Teil (2/3) auf den medizinischen Bereich im anglo-amerikanischen Raum beziehen. Er stellt fest, dass wissenschaftliches Fehlverhalten im medizinischen Bereich entweder häufiger vorkommt oder häufiger berichtet wird. Möglicherweise ist beides der Fall, da es in diversen Bereichen de facto keine unabhängige Forschung mehr gibt, weil viele klinische Forschungsprojekte über Pharma-Produzenten oder andere Hersteller von Medizinprodukten finanziert werden. Allein die Berichte über diesen Bereich würden ein eigenes Wiki füllen.

In seiner zweiten Untersuchung 2010 fand Fanelli in 20 wissenschaftlichen Disziplinen die Tendenz zu geschönten Ergebnissen, wenn der Konkurrenzdruck unter Forschern hoch genug ist. Das lässt zumindest die Vermutung zu, dass wissenschaftliches Fehlverhalten auch in anderen wissenschaftlichen Fächern eine Rolle spielt.

Ioannidis bezieht seinen Beweis und seine Thesen ausdrücklich auf alle wissenschaftlichen Disziplinen, die mit ähnlichen Methoden wie in der Medizin arbeiten. Dem kann inhaltlich nicht widersprochen werden. Die Grundlagen der Statistik sind über alle Fächer gleich, auch wenn im einzelnen unterschiedliche Verfahren verwandt werden. Auch die Gegebenheiten der wissenschaftlichen Praxis dürften sich nicht allzu sehr unterscheiden.

Tödter fand in seiner Untersuchung ca. 20% auffällige Arbeiten, wobei seine Stichprobe nicht repräsentativ ist. Er zeigt, dass auch in nicht-medizinischen Fächern der Anteil nicht korrekter Arbeiten recht hoch ist. Auch wenn damit nicht von vorneherein in allen Fällen von Forschungsbetrug die Rede sein kann, ist dieser Wert doch alarmierend hoch und sollte Anlass für weitere Forschung sein. Selbst 20% schlechte Wissenschaft in Form von Rechenfehlern sind einfach zuviel, sollten sich derartige Ergebnisse im grossen Stil und auch in anderen Disziplinen ergeben.

Martinson et. al. hatten ihre Studie von vornherein multidiszplinär angelegt, so dass ihre Ergebnisse dementsprechend auch viele unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen betreffen. Eine Differenzierung der Ergebnisse über die Disziplinen ist allerdings nicht erfolgt. So bleibt zumindest unklar, ob alle Fächer gleichermassen stark betroffen sind. Das ist allerdings anzunehmen, wenn die Vermutung systemischer Ursachen zutrifft.

Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsmanns der DFG, sieht die Situation in Deutschland insofern ähnlich, dass es wesentlich mehr leichtere Verfehlungen als krasse Verstösse gegen die gute wissenschaftliche Praxis gibt. Auch gebe es beim Ombudsmann-Gremium eher Nachfragen als tatsächliche Meldungen. Diese kämen zu überwiegenden Teil aus dem medizinischen Bereich und den Naturwissenschaften, wesentlich weniger aber aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Insgesamt werden die Daten speziell aus der Studie von Martinson von der DFG auch für deutsche Verhältnisse akzeptiert. Auch wird die These Fanellis bestätigt, dass Auffälligkeiten im Hinblick auf Datenfälschungen gehäuft aus dem biomedizinischen Bereich bekannt werden.

Untersuchungen zu Plagiaten und WissenschaftsbetrugBearbeiten

Da McCabe umfangreiche Untersuchungen über viele Universitäten und Fakultäten durchgeführt hat, konnte er nachweisen, das Plagiarismus ein universelles Problem ist, das den Wissenschaftsbereich durchdringt. Er und seine Kollegen sehen ein Anwachsen des Problems, begünstigt auch durch das Internet und die schnelle Verfügbarkeit wissenschaftlicher Texte. Nach einer Studie sind MBA-Studenten besonders anfällig für Betrugshandlungen.

Dem widersprechen allerdings Elite-Universitäten wie Yale, die eine andere Kultur als die meisten Wirtschaftshochschulen für sich reklamieren. Sie seien kleiner und mehr auf Gemeinschaft ausgerichtet.

Nach Sattler spielen Plagiatshandlungen auch ausserhalb der Geisteswissenschaften eine Rolle, wobei er auf Erkenntnisse ausländischer Unis verweist. Er selbst hat allerdings eine streng begrenzte Population von Soziologiestudenten untersucht, ähnlich wie Knoop, deren Stichprobe drei unterschiedliche geisteswissenschaftliche Disziplinen umfasst.

Knoop räumt zwar ein, dass ihre Stichprobe nicht repräsentativ ist und ihre Ergebnisse nicht verallgemeinert werden dürfen, sieht darin aber auch kein singuläres Problem ihrer Hochschule. Erfahrungsberichte von anderen Hochschulen scheinen ihre Ergebnisse aber eher zu bestätigen. Offenkundig ist der Umstand, dass man um so mehr Plagiate entdeckt, je genauer man hinsieht. Auch hier ist weitere Forschung wünschenswert.

FazitBearbeiten

Aktuell stellt sich die Situation so dar, dass Plagiate einen grossen und offenbar wachsenden Teil wissenschaftlichen Fehlverhaltens in studentischen Populationen ausmachen, während bei publizierenden Wissenschaftlern andere Verfehlungen auffallen wie Manipulationen von Daten und Ergebnissen oder nachträgliche Änderungen des Forschungsdesigns. Die Situation bei Promotionen ist unklar. Doch sind gerade in Deutschland in letzter Zeit vermehrt gekaufte oder plagiierte Arbeiten entdeckt worden, speziell bei Politikern.

Ändert sich die Art des Fehlverhaltens mit der jeweiligen Lebens- und Karrieresituation? Oder sind diese Befunde Artefakte unterschiedlicher Stichproben? Hinweise auf die erste These liefert die Arbeit von Martinson et. al., die signifikante Unterschiede im Fehlverhalten von Wissenschaftlern fanden, abhängig von der Stufe ihrer jeweiligen Karriere. Für die zweite These sprechen verschiedene Hinweise auf eine Häufung von Verfehlungen in den Bio-Wissenschaften. Da gibt es noch diverse missing links.

Problematisch bleibt hingegen der Ansatz der Selbstkontrolle in der Wissenschaft. Er funktioniert vermutlich recht gut bei wirklich schweren Verfehlungen, die wachsamen Beobachtern irgendwann auffallen. Da sind dann Verfehlungen und Sanktionen recht eindeutig zu bestimmen. Jedoch machen diese wissenschaftlichen Sünden nur einen Bruchteil der gesamten Misere aus. Bei den weiter verbreiteten systemischen Unzulänglichkeiten gerät das Konzept schnell an seine Grenzen, die auch von aussen her gesetzt werden. Dies betrifft vor allem den Aspekt der Drittmittelgeber und ihren Einfluss auf die gegenwärtige Forschung, der häufig mit dem Prädikat "Praxisbezug" verbrämt wird. "Wer zahlt, schafft an" - in diesem Falle mehr als eine Binsenwahrheit. In einer derartigen Abhängigkeitsposition der Wissenschaft bleibt Selbstkontrolle leider Selbstbetrug.


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